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Die Wahrheit des Wortes

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CERN und ähnliches Kleinvieh

18. Mai 2009

Man sollte beim Lesen der österreichischen Printmedien wohl mehr auf die den Artikeln beigestellten Fotos achten. Bilder sagen mehr als tausend Worte! Dann nämlich, wenn ein Herr H.C. Strache (FPÖ) mit dem erhobenen Kreuz in der rechten (!) Hand für ein christliches Europa plädiert. Dann nämlich, wenn ein Herr Faymann mit eingeschnapptem Blick auf seine linke (!) Seite blickt, weil der CERN-Ausstieg verhindert wurde.

Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) wurde ja vor einiger Zeit wegen ihrer Budgetvorhaben (man erinnere sich an die zwei Stunden mehr an Unterrichtszeit für Lehrer) von seiten des Koalitionspartners ÖVP schärfstens kritisiert. Der Vorschlag, aus dem Kernforschungsprojekt CERN auszusteigen, kam jetzt vom Resortchef des Wissenschaftsministeriums selbst, von Johannes Hahn (ÖVP) und damit von der politisch anderen Seite. Und nun mischt sich Bundeskanzler Werner Faymann ins Budget dieses Resorts ein, weil Vizekanzler Josef Pröll (ÖVP) auf Seiten Hahns, also für den CERN-Ausstieg, steht. Wir erinnern an dieser Stelle, dass es für die Ministerien ein neues Haushaltsrecht gibt: jedes Resort darf selbst bestimmen. Jeder Resortchef ist sein eigener Finanzminister. Wohl nicht dann, wenn den Resortchefs so eigentümliche Ideen kommen, wie die zum österreichischen Engagement in Wissenschaft und Forschung!?

Die Akademikerquote in Österreich liegt bei 18 Prozent der Bevölkerung – das ist unter dem EU-Durchschnitt. Drei von vier Österreicher verfügen nur über einen Pflichtschulabschluss – wenn man davon absieht, dass Lehre mit Matura noch immer nicht Standard in Österreich ist. Universitäten kämpfen ums Budget, und haben sich in den letzten zehn Jahren regelrecht an die Wirtschaft verkauft. Kooperationen mit der Praxis nennt man das. Wer auf der Strecke blieb, sind die Geisteswissenschaften. Denn Kopfarbeit verträgt die Wirtschaft schlecht, Technik und naturwissenschaftliche Forschung schon eher. Mit Studiengebühren wollte man das  Budgetloch auffüllen, was dazu führte, dass Studierende in Österreich zu wandelnden Computern wurden. Wissen wird in kurzer Zeit hinein gestopft, Bildung kann da nur schwer gelingen, in solchen Systemen. Weil, wer schnell studiert, spart Geld.

Die Einsparungen durch einen Ausstieg von CERN in der Höhe von insgesamt 60 Millionen Euro bis 2013 sollten 600 Doktorandenstellen finanzieren helfen, so Hahn in seinen Überlegungen. Das riecht nach Umverteilung, weil man vielleicht draufkommt, ein unterrepräsentiertes Bildungs- und Forschungsbudget zu haben? Denn ist CERN weg, fehlt Österreich ein wichtiger Anknüpfungspunkt für die ForscherInnen in seinem Land. Sollte man da nicht eher überlegen, wie man Geld für Bildung generell frei macht, das Schul- und Bildungssystem von Grund auf reformiert, anstatt den Banken das Geld zu leihen, um weiterhin Geschäfte zu machen, deren Ausmaß man in Wahrheit nicht kennt? Auch das hat nämlich Raimund Lopatka (ÖVP) vor ein paar Wochen bei einer Veranstaltung in Schladming verlautbart. Man wüsste in Wahrheit nämlich nicht, mit wieviel die österreichischen Banken tatsächlich in der Kreide stehen. Geschicktes Ablenkungsmanöver ob der Krise, könnte man da fast sagen. Es ist aber fehlgeschlagen. Heute Abend wurde Hahn zurück gepfiffen. Österreich bleibt bei CERN mit dabei. Und die Bilder sprechen von einem Kuschelkurs mit internem Hickhack um die Vormachtstellung in diesem Staat.

AMW

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Kategorie: Ein Kommentar zur Woche · Europa · Gesellschaft · Neues aus Österreich · Politik · Technik · Umwelt · Wirtschaft

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