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Die Wahrheit des Wortes

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Arcandor ganz persönlich

9. Juni 2009

Es ist schon ziemlich hart in einer Gesellschaft zu leben, in der es scheinbar nur noch Opfer gibt. Da waren die, schon fast vergessenen, Mitarbeiter von Nokia in Bochum, die ihre Arbeitsplätze verloren haben. Da waren die ganzen Arbeitsplätze bei Opel, um die es lange Zeit schlecht aussah, die dann aber glücklicherweise, wie durch Zufall, kurz vor den Europawahlen gerettet werden konnten. Nun reden wir von Arcandor und damit auch von Karstadt, hier sieht es, seit am gestrigen Tag Millionen an Steuergelder versagt wurden, erst ein Mal schlecht aus und es sind noch über 100 Tage bis zur nächsten großen Wahl in Deutschland. Wie soll es nur weitergehen in Deutschland, diese Frage stellt man sich mittlerweile nicht mehr nur hier in der Redaktion.

Von Opelanern und Karstädtern

Es sind schon fast Rituale, von denen man sprechen mag. Es sind klare Schemata, um die es hier geht und trotzdem fallen die Menschen reihenweise darauf hinein und nur weil dem so ist, funktioniert dieses System überhaupt erst so hervorragend. Zu erst werden von Seiten der Eliten und Experten Wirtschaftsmodelle erarbeitet, die ganz offensichtlich nur ein Ziel verfolgen und zwar, dass der puren Gewinnmaximierung. Nun kommt es vor, dass diese Gewinnmaximierung gestört wird und man somit Kosten einsparen muss. Bislang funktionierte dies hervorragend über die Personalkosten, wie eben auch im angesprochenen Fall von Nokia. Man baute Stellen ab, stieg auf billige Leiharbeiter um oder verlegte Produktionsstandorte gleich dorthin, wo es wesentlich preiswerter ist als in Deutschland. Problem an dieser Vorgehensweise, es schadet mehr und mehr dem Ruf der deutschen Wirtschaft. Es wären aber keine Eliten und Experten, wenn es nicht auch einen Plan B geben würde und dieser läuft im Moment fahrplanmäßig ab. Man schiebt die Verantwortung ab an den Staat. Die Politik soll es nun richten, denn es sollen doch bitte keine Investorengelder oder ähnliches riskiert werden, sondern Steuergelder. So schafft man Gewinnmaximierung auf dem Rücken der Steuerzahler.

Nun will sich die Politik diesen Schuh natürlich auch nicht einfach so anziehen lassen, schließlich ist Superwahljahr und da haben alle ein bisschen was zu verlieren. Nun baut man eben von Seiten der Gewerkschaften, mit fleißiger Unterstützung der Medien, Druck auf. Plötzlich reden wir nicht mehr von kalten, unpersönlichen Opelmitarbeitern, sondern von personifizierten Opelanern oder eben wie im Fall von Arcandor, von den Karstädtern. Im letzten Fall reden wir gar von 56.000 Menschen, allerdings nicht Karstädtern, denn Arcandor umfasst viel mehr als nur Karstadt und hier reden wir von wesentlich weniger Arbeitsplätzen. Am heutigen Tag konnte man in der ARD eine alleinerziehende Mutter aus Köln sehen, die wie viele andere in diesem Kontext gezeigten Mitarbeiter, schon Jahrzehnte im Unternehmen tätig ist. Leiharbeiter, Praktikanten etc., die in der heutigen auch immer dazugehören, zeigt man nicht. Es wird einem so suggeriert, dass wir von 56.000 langjährigen Mitarbeitern reden, was inhaltlich völlig falsch ist aber eben den Druck erhöht. Ein weiteres Mittel, was gerade im Fall Arcandor sehr massiv angewendet wird, ist die Verödung unserer Innenstädte. Genau an dieser Stelle wird es natürlich richtig interessant, gerade auch im Kontext der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung für diese Krise.

Kein Kampf gegen Entsolidarisierung

Bei vielen dieser heutigen Opfer der Weltwirtschaftskrise, stellt sich die Frage, wo ihr Engagement war, als all dies begann. Man wird bei vielen Menschen das Gefühl nicht los, dass sie scheinbar sicher und behütet in ihrer Blase saßen und bloß nicht auffallen wollten, als die Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft ihren Lauf nahm. Wo waren die Großdemonstrationen für die kleinen Einzelhändler, die über all die Jahrzehnte durch die Großkonzerne verdrängt wurden und so zu einer wirklichen Verödung der Innenstädte geführt haben. Auch durch den so forcierten Aufbau gewisser monopolartiger Stellungen einiger Konzerne, stehen wir nun da, wo wir stehen. Einen breiten Aufschrei in der Gesellschaft gab es an dieser Stelle nicht. Der ein oder andere mag beim Feierabendbier kurz um den `Tante Emma Laden` um die Ecke getrauert haben aber das war es dann auch schon. Nun dreht sich genau diese Spirale weiter und plötzlich sind wieder ein Mal viele Menschen völlig überrascht, dass die Opferzahlen größer werden. So lang man selber in Sicherheit war, hatte man ganz offensichtlich kein Problem mit der Entsolidarisierung in der Gesellschaft, nun wo es um die eigenen Arbeitsplätze geht, ist Solidarität das Größte und natürlich sieht man den Staat in der Pflicht mit Steuergeldern zu helfen. Dieses Verhalten ist leider schlichtweg mit zweierlei Maß gemessen und somit auch nicht wirklich fair.

Entsolidarisierung, Raubtierkapitalismus, Turbokapitalismus allesamt sind Trends die sich über Jahre und Jahrzehnte entwickelt haben, ohne dass sich großartig daran gestört wurde, denn man profitierte fleißig mit. Der kleine Einzelhändler mit seinen paar Angestellten war scheinbar nicht wichtig genug und die Waren oft zu teuer. Genau diese Entwicklungen, über die man im Handel nun so erstaunt ist, gehen nun auch anderswo munter weiter. Nehmen wir das Gesundheitswesen, wo immer mehr Ärztehäuser etc. entstehen, auch hier wird, auf erst ein Mal kleinem Niveau, fleißig globalisiert und irgendwann, wenn wir in Jahrzehnten nur noch einige Ärztehausketten haben und eine von einem Investor nicht mehr gehalten werden mag, da sie nicht mehr in das Prinzip der Gewinnmaximierung passt, sind wieder alle überrascht. Man sieht es läuft so lange weiter, bis sich in der Breite der Gesellschaft etwas regt, denn natürlich wird weder die Politik noch die Wirtschaft hier großartig einlenken, warum sollten sie auch, denn die Eliten und Experten profitieren auch in diesen Tagen noch ausreichend. Wenn man sich nun noch überlegt, dass dieser Artikel Bereiche, wie zum Beispiel die Umwelt nicht berücksichtigt hat oder das ganze erst ein Mal nur aus einer nationalen Sicht betrachtet wurde und noch nicht ein Mal in einem europäischen Kontext, wird einem klar, dass es noch viele Möglichkeiten gibt für eine bessere Zukunft aktiv zu werden und dies sollte man tun, bevor man persönlich betroffen ist, denn dann ist es oftmals zu spät.

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Kategorie: Gesellschaft · Medien · Politik · Wirtschaft

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