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Die Wahrheit des Wortes

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Anarchie an der Wiege der Demokratie

10. Dezember 2008

Seit am vergangenen Samstag der 15 Jahre alte Schüler Alexandros Grigoropoulos durch eine Polizeikugel in Athen getötet wurde, ist die Stadt, um nicht zu sagen das ganze Land im Ausnahmezustand. Es herrscht Anarchie an der Wiege der Demokratie. Immer wieder kommt es zu Plünderungen und Verwüstungen ganzer Straßenzüge. Man kennt eine gewisse Gewaltbereitschaft aus Athen und ist es gewohnt, dass es häufiger zu Auseinendersetzungen zwischen Autonomen und der Polizei kommt aber das was sich hier in den letzten Tagen abspielt sind die schlimmsten Szenen seit gut 25 Jahren und nicht nur das der Ruf nach einem Ende der Gewalt immer lauter wird, stellt sich auch mehr und mehr die Frage, wie es zu diesem Ausbruch an Gewalt kommen konnte. Am gestrigen Abend fielen erneut Warnschüsse und der heutige Generalstreik in Griechenland lässt auch nicht gerade auf ein Ende der Gewalt hoffen.

Eine Trotzburg der Anarchie

Die schwersten Ausschreitungen gibt es in dem, für Gewaltausbrüche bekannten, Athener Stadtteil Exarchia, genau hier fielen auch die tödlichen Schüsse auf Alexandros Grigoropoulos. Es gibt einiges was man zu diesen Krawallen wissen muss, um sie im Ganzen zu verstehen. So zum Beispiel den besonderen Status der Freiheit von Lehre und Forschung in Griechenland. Dieser Grundsatz führt dazu, dass die griechische Polizei das Gelände der Universität nicht betreten darf und sich die Autonomen somit dort immer wieder hin zurückziehen können. Es gibt allerdings eine Ausnahme, die diese Regel brechen könnte. Die Leitung der Universität könnte einem Einsatz der Sicherheitskräfte auf dem Universitätsgelände zustimmen, womit ein Eingreifen auch hier möglich würde. Dies ist allerdings eine gerade auch moralisch so tief greifende Entscheidung, dass man erst ein Mal nur darüber nachdenkt und abwartet.

Gestern wurde der 15 Jahre alte Alexandros Grigoropoulos beerdigt und die erwarteten schweren Ausschreitungen blieben aus. Natürlich kam es am Rande der Beisetzung und auch die ganze Nacht wieder zu Gewaltausbrüchen, allerdings nicht in dem Umfang mit dem man gerechnet hatte. Ob dies die Ruhe vor dem Sturm war und man nur Kräfte für den heutigen Generalstreik sammelte oder ob es erste Auswirkungen des vom Premier Kostas Karamanlis angekündigten härteren Durchgreifens der Polizei waren, wird sich zeigen. Das Pulverfass Griechenland bleibt in jedem Fall hoch explosiv aber man sollte sich an dieser Stelle nicht zu sehr auf das Land in dem die Wiege der Demokratie liegt fixieren, denn das ursprüngliche Problem geht weit über die Grenzen Griechenlands hinaus. Dieser Ausbruch an Anarchie hat seine Wurzeln ganz tief in der Gesellschaft und steht in einem direkten Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise. Der Tod des Jugendlichen wird daher zum Beispiel von der Psychologieprofessorin Fotini Tsalikoglou als Anlass, als das legen einer Zündschnur interpretiert, die nun zum dem geführt hat, was wir seit Tagen aus Griechenland sehen.

Anarchie von New York bis Frankfurt

Die Welt wird immer stärker durch massive Armut und grenzenlosen Reichtum geteilt. Dieser Fakt alleine hat schon genug Sprengkraft inne, um Länder ins Chaos zu stürzen, wie man am Beispiel Griechenland sehr schön erkennen kann. Es gibt in diesem Kontext allerdings noch ein großes, weiteres Problem. Die Art wie dieser grenzlose Reichtum angehäuft wird. Wir sprechen gerne von Anarchie, wenn wir die Ausschreitungen in Griechenland sehen aber ist es nicht auch Anarchie, was wir an den weltweiten Finanzplätzen von New York bis Frankfurt sehen? Regeln und Gesetze scheinen bei einem großen Teil der Geschäfte die hier getätigt werden, nicht mehr zu gelten bzw. werden von den betroffenen Personen einfach ignoriert und dabei ist Steuerhinterziehung, wie man sie dem Ex-Postchef Klaus Zumwinkel vorwirft, noch ein verhältnismäßig kleines Delikt. Also passen sich die Randalierer quasi dem, was ihnen von den vermeintlichen Eliten dieser Welt vorgelebt wird, nur an. Natürlich ist Gewalt kategorisch abzulehnen, es geht auch nicht darum, dass was der Zeit in Griechenland geschieht irgendwie zu rechtfertigen, es geht viel mehr um die Suche nach den Gründen.

Man bekommt das Gefühl, als würde einfach mit Anarchie auf Anarchie geantwortet. Weiter hat es den Anschein, als zeige sich in diesen Gewaltausbrüchen parallel zur Weltwirtschaftskrise, dass Demokratie, wie sie in weiten teilen der Welt heute gelebt wird, nicht funktioniert. Denn so lange Korruption und illegales Verhalten von Managern und Politikern ganz offensichtlich toleriert bzw. nicht ausreichend sanktioniert wird, werden die Probleme weiter ansteigen. Bildungssystem, wie zum Beispiel in Griechenland versagen bzw. stehen kurz vor den Zusammenbruch, immer mehr Menschen verlieren ihre Arbeit oder haben erst gar keine Chance am Arbeitsmarkt aktiv zu werden, während auf der anderen Seite die massiven Managementfehler einfach hingenommen werden bzw. mit Milliarden an Steuergelder ausgebügelt werden. Ein so ausgerichtetes wirtschaftliches und gesellschaftliches System ist zum scheitern verurteilt. Die Auswirkungen können wir im Moment schon in Griechenland sehen, der Zorn der dort vorherrscht ist allerdings nicht nur in Griechenland vorhanden. Somit sollte die Welt gewarnt sein und sich überlegen ob sie politisch, wie auch wirtschaftlich so weiter machen möchte oder ob man aus den Problemen Griechenlands nicht für zukünftige Gesellschaftsformen etwas lernen kann.

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Kategorie: Europa · Gesellschaft · Politik · Wirtschaft

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