fairschreiben

Die Wahrheit des Wortes

fairschreiben header image 2

Amokalarm in Sankt Augustin-Essen wir bald nur noch mit Plastikbesteck?

12. Mai 2009

Am gestrigen Morgen gegen 9 Uhr brach am Albert-Einstein-Gymnasium in Sankt Augustin Panik durch einen ausgelösten Amokalarm aus. Die 16 Jahre alte Schülerin Tanja O. hatte die Schule mit zehn Molotow-Cocktails, einer Gaspistole und mindestens einem Messer betreten. Als die maskierte Schülerin in einer Toilette die Brandsätze auspackte, wurde sie von einer 17 Jahre alten Mitschülerin überrascht. In der folgenden Auseinandersetzung wurde diese Schülerin schwer verletzt und verlor laut RTL-Nachrichten unter anderem ihren Daumen. Durch diesen lautstarken Tumult, wurde letztendlich der Amokalarm an der Schule ausgelöst und damit wahrscheinlich eine schreckliche Bluttat verhindert. Die Schüler verbarrikadierten sich nach dem Amokalarm in den Klassen und legten sich auf den Boden, bevor sie von der Polizei in die Turnhalle des Gymnasiums evakuiert wurden. Die Täterin begab sich dann auf eine bis vor einigen Stunden andauernde Flucht. Auch dieses Geschehnis an einer deutschen Schule, ziemlich genau zwei Monate nachdem schrecklichen Blutbad von Winnenden, wirft viele Fragen auf.

Polizisten und Psychologen

Man lobte noch am Tattag den hervorragenden Einsatz der Polizei und dass der ausgearbeitete Amokalarm so gut gegriffen hätte. Allerdings geht hierbei etwas unter, dass es gar keinen Amoklauf gab, sondern die Täterin flüchtete. Es ist also gar nicht realistisch zu beurteilen, was wirklich im Falle der Tatausführung auf die Beamten zu gekommen wäre und wie sie dann mit dieser Situation umgegangen wären. Auch in diesem Bereich kann man, wie auch in einigen anderen Bereichen, nur spekulieren. Fakt ist hingegen, dass die mutmaßliche Täterin doch erheblich lange flüchtig war und man nun auf weitere Informationen warten muss, wie es dazu kommen konnte. Fakt ist scheinbar auch, dass sie ihre Schule schon vor gut einer Woche bedrohte, allerdings jetzt erst zum Gespräch mit dem Schulpsychologen gebeten wurde. Ganz offensichtlich war dieses Zeitfenster definitiv zu groß, denn es sieht so aus, als hätte Tanja O. auch am gestrigen Tag eher ihr Ende und das Ende möglichst vieler Mitschüler gesucht, als das Gespräch mit einem Schulpsychologen. Laut einem in den Medien zitierten Abschiedsbrief, war wohl ein Tatmotiv der mutmaßlichen Amokläuferin, dass sie in der Schule gemobbt wurde. Hierbei reden wir von einem Problem, welches leider in Deutschland schon so gut wie zum Schulalltag gehört und wie man hier sehr deutlich sieht, ein erhebliches Risiko, nicht nur für das Opfer darstellte.

Warum bekommt scheinbar sehr oft niemand Mobbing mit? Will man es vielleicht nicht sehen?  Erst wenn ein Opfer die Schule bedroht, soll es zu einem Gespräch mit dem Schulpsychologen kommen, wie es hier scheint. Ist ein Zeitfenster von einer Woche, nach einer ganz offensichtlich sehr ernst gemeinten Drohung, nicht etwas weit gefasst.? Man kann diesen Fragenstrang nun beliebig fortsetzen. Nachdem schrecklichen Amoklauf von Winnenden, versucht man nun natürlich diesen Fall möglichst weit herunterzuspielen, dies hat natürlich auch einen ganz pragmatischen Hintergrund, denn so kann man die Anzahl an Trittbrettfahrern und Nachahmern doch massiv einschrecken. Man läuft allerdings auch Gefahr, schlimme Szenarien, die nun ein Mal leider auch immer häufiger Realität werden, zu verharmlosen. Es ist ein dünner Grad auf dem sich Politik, Polizei aber auch die Medien hier bewegen. Diese Amokläufe und wir wollen hier bewusst nicht von einer Anhäufung sprechen, zeigen aber auch die Machtlosigkeit der Staatsgewalt gegenüber manchen Phänomenen dieser Gesellschaft. Mal geht es ansatzweise gut aus, wie am gestrigen Tag in Sankt Augustin und an anderen Tagen, wie zum Beispiel in Erfurt oder Winnenden, kommt es zur Katastrophe. Dies wirkt natürlich schon ein wenig, wie ein Glücksspiel aber Sicherheit darf in einem demokratischen Staat niemals zu einem solchen werden aber ganz offensichtlich sind die bisherigen Maßnahmen der Politik hier wirkungslos.

Die Folgen von Erfurt und Winnenden

Es scheint als fixiert man sich viel zu sehr auf die Tatausführungen, die natürlich jedes Mal variiert, anstatt sich an die wirklichen Probleme, die ganz offensichtlich in der Gesellschaft selbst, in den Schulsystemen und ähnlichem liegen, zu widmen. Wenn man diese Strategie nicht irgendwann grundsätzlich ändert, wird man diese Problematik nicht eindämmen können, denn verhindern können wird man sie im Ganzen so oder so niemals. Man kann Waffengesetze verschärfen, wie man es nach der Tragödie von Erfurt getan hat und gewisse Arten von Langmessern verbieten und auch Schreckschusspistolen, aber wohin führt dies? In aller erster Linie dazu, dass man viele Unbeteiligte kriminalisiert. Schreckschusswaffen waren weder in Erfurt, noch in Winnenden tatrelevant. Aber auch Gesetzesänderungen im direkten Kontext zu scharfen Waffen, dürfen durchaus skeptisch gesehen werden. Denn warum der Staat ohne jeglichen Tatverdacht die Erlaubnis haben sollte in die Privatsphäre von Waffenbesitzern ohne Ankündigung einzudringen, bleibt auch fragwürdig. Dieses Verhalten des Staates passt aber erst ein Mal wieder sehr gut in das Szenario eines Überwachungsstaates. Beim Verbot von so genannten Gotcha-Waffen, also Spielzeugwaffen mit denen Farbmunition verschossen wird, wie es nun geplant ist, hört jeglicher logischer Gedankenansatz gänzlich auf. Immer mehr Verbote, auch in Bereichen wo Aggressionen abgebaut werden und das alles in der Hoffnung auf weniger Aggression, ist einfach nur noch paradox.

Wo soll das alles hinführen, fragt man sich da. Soll das Training von Schnelligkeit und Treffsicherheit verboten werden? Was wird dann als nächstes verboten? Was ist mit Biathlon oder Tischtennis? Gefährliches Training von potenziellen Amokläufern? Dann werden demnächst wohl auch noch Messer und Gabel verboten und wir essen alle nur noch mit Plastikbesteck. Man sieht auf welchem absurden Weg die Politik ein Mal mehr ist. Positive Ansätze die den Frust aus der Gesellschaft nehmen, gerade auch aus der jungen Generation, sucht man oftmals vergeblich, denn hier fehlen angeblich immer wieder die finanziellen Mittel. Man verbietet lieber Freizeitbeschäftigungen und vernichtet somit ganz nebenbei auch noch Arbeitsplätze, anstatt sich für eine humanere Gesellschaft einzusetzen. Raubtierkapitalismus wird mit Milliardenbürgschaften subventioniert, auch wenn Kreditklemmen so nicht gelöst werden, Geld für ausreichendes Lehrpersonal, welches auch ein Mal persönlich auf junge Menschen einwirken kann, ist dann allerdings am Ende des Tages nicht mehr da. Dann darf es allerdings auch niemanden wundern, wenn die Ventile, die entstehen, immer krasser und brutaler werden und somit auch die Opferzahlen steigen. Alles hat seinen Preis, auch eine Gesellschaft die auf Oberflächlichkeit ausgerichtet ist, dessen sollte man sich bei allen Entscheidungen immer bewusst sein. Amokläufe wird man niemals verhindern können aber mit einer vernünftigen, nachhaltigen Politik, die nicht aus blindem Verbotsaktionismus besteht, kann man einiges verändern, um das Risikopotenzial massiv zu minimieren.

Freude teilen: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • MisterWong
  • Y!GG
  • Webnews
  • Digg
  • email
  • Facebook
  • Fark
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • LinkedIn
  • Twitter


Kategorie: Gesellschaft · Medien · Politik · Wirtschaft

Bis jetzt 1 Kommentar ↓

Schreib was dazu