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Die Wahrheit des Wortes

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Allgemeinbildung Ade!

9. Dezember 2008

Als Gymnasiastin und aus einem geisteswissenschaftlichen Familienclan entsprungen fragt man sich zunehmend, wo denn Bildung zu finden ist. Da wird im ORF diskutiert, ob gebildete Eliten kritikfähig sind. Die Antwort ist: “Nein!” Da kommt die APA-Meldung zwei Mal täglich ins Haus und man liest: “Jeder zehnte Österreicher ist ein Analphabet oder leseschwacher Nichtversteher”. Da liest man die Journalistenregeln: “Nur 100 Wörter benötigt man zum Schreiben von SMS. Journalismus muss sprachlich einfach sein.” Ist diese Generation eine Generation der Analphabeten und Ungebildeten? Jedenfalls fallen Österreichs Volksschüler durch – die nächste Generation rückt in ein düsteres Pisa-Licht.

Bei genauem Hinsehen muss sich dieser Verdacht bestätigen. Es gibt eine Plattform im Internet, welche als Magazin für junge Forschung Kritisches öffentlich macht. Der Kollege spricht hier von der “Generation Dr. Golf” – jenen Universitätsdozentinnen und Dozenten, die ob dem mangelnden intellektuellen Vermögen ihrer Studentinnen und Studenten völlig verzweifeln. Ist hier wirklich ein Bruch erfolgt? Ist die Generation der Ende 60er und Anfang 70er Geborenen wirklich so anders und viel zu intellektuell?

Jetzt mache ich einen Blick zu mir. Ohne den ist diesem Thema, so scheint es, nur schwer beizukommen. Ich hatte in meiner Schulzeit das Vergnügen viel lesen zu müssen. Jedes Schuljahr über 30 Novellen, Erzählungen, Dramen von Dichtern und Autoren deutscher und internationaler Literatur. Die Leseliste zur mündlichen Matura umfasste sogar 56 Werke. Da musste der Stoff schon sitzen – das war 1986. Ich hab dann mit meinen Maturaunterlagen die Literaturprüfungen im ersten Abschnitt meines Germanistikstudiums locker bestanden. So gut war das also, was ich zur Matura gekonnt hatte. Meine Kolleginnen und Kollegen an der Germanistik sind an diesen Prüfungen teilweise verzweifelt: zu viel, zu umfangreich, zu schwierig. Für mich war der Umfang normal.

Blicke ich heute auf den Blog der jungen Wissenschaftler und auf das, was mir an Bildungsinformationen ins Haus flattert, dann kommt mir das Grausen. Da kennt kaum noch jemand mehr einen Henry David Thoreau. “Wer war das? Ach, der hat Ghandi inspiriert? Das ist ja völlig neu!” Von der heutigen Generation zu verlangen, dass Thoreaus “Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat” zur Allgemeinbildung gehört, möchte ich gar nicht mehr sprechen. Ralph Waldo Emerson ist da übrigens auch in der Versenkung verschwunden. Wenn er Glück hatte, kennt man ihn hier nur noch als Zitat aus einer der amerikanischen TV-Shows. Gilmore Girls kann ich da nur empfehlen. Da tauchen sie noch auf, die Größen der amerikanischen Literatur und Freidenker. Doch so weit brauchen wir im Kopf nicht zu reisen. Wer von den heutigen Zeitgenossen kann “Das Kommunistische Manifest” noch einem Karl Heinrich Marx zuordnen? Wer weiß heute noch, dass Hans Kudlich, Politiker und Arzt, für die Bauernbefreiung 1848 aktiv war und zum Tod verurteilt wurde – deshalb ist der Knabe ja dann auch in die USA ausgewandert! Dass Kudlich aus dem so genannten alten Österreich, aus Mähren und damit aus Troppau, Lobenstein kam, gehört mittlerweile nicht mehr zur Allgemeinbildung. Wo das ist? Na das werden die leseschwachen Halbgebildeten nur schwer auf der Karte finden. Das liegt in der heutigen Tschechischen Republik. Aber solche Themen scheinen ja auch nicht mehr Teil der Bildung zu sein. Und die Wenigen, die bescheid zu wissen glauben, beten viel lieber Inhalte herunter, ohne deren Zusammenhänge und Querverbindungen zu erfassen. Das ist aber gut so, denn ein halbgebildetes Mittelmaß lässt sich politisch leichter führen und korrigieren. Und wenn den “Analphabeten” die Luft ausgeht, dann maulen diese wenigstens nicht, wenn man zuwenig verdient und keine Bürgerrechte hat. Worüber sollten die schon maulen, wenn sie nicht wissen, um was es tatsächlich geht.

AMW

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Kategorie: Europa · Gesellschaft · Kultur · Medien · Neues aus Österreich · Politik · Wirtschaft

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