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Die Wahrheit des Wortes

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46664 Nelson Mandela

1. Juli 2008

Am Wochenende war es wieder soweit, ein weiteres Konzert im Zusammenhang mit dem Leben und Schaffen von Nelson Mandela stand an. Es war seine große Geburtstagsgala zum 90. Geburtstag von Madiba, wie man ihn im eigenen Land auch nennt. Aber eigentlich war es noch viel mehr, eine Werbeveranstaltung für seine Stiftung 46664. Diese Stiftung setzt sich gegen Aids und für eine bessere medizinische Versorgung der Millionen an HIV erkrankten Personen ein. Die Stiftung führt seit 2002 immer wieder große Konzerte für diesen Zweck durch. Natürlich mit einem Schwerpunkt für den Schwarzen Kontinent und vor allem für Südafrika. Allgemein ging es auf diesem Konzert im Londoner Hydepark viel um Afrika, um Freiheit und Menschenrechte, was natürlich bei einer Galionsfigur wie Nelson Mandela selbstverständlich ist. So positiv man auch das Vorhaben von 46664 einstufen will, gibt es auch hier Fakten, die einen nachdenklich stimmen.

Nelson Mandela und Mercedes-Benz

Der 1918 geborene Nelson Mandela wurde erst Mals 1962 zu einer Haftstrafe verurteilt.1964 wurde er dann zu lebenslanger Haft verurteilt und erhielt die Nummer 466. Somit war er der Häftling mit der Nummer 46664. Der langjährige Freiheitsprozess in Südafrika führte letztendlich auch dazu, dass Nelson Mandela 1990 nach gut 28 Jahren aus der Haft entlassen wurde, die Apartheid in Südafrika beendet wurde und er sogar von 1994 bis 1999 der erste schwarze Präsident seines Landes wurde. Es erklärt sich von selbst, dass ein solcher Mensch auch einen Friedensnobelpreis erhalten hat. Dies war im Jahr 1993 zusammen mit Frederik Willem de Klerk, der selber von 1989 bis 1994 Präsident Südafrikas war. Am 27.06.1988 fand im Londoner Hydepark ein Konzert für die Freilassung Mandelas statt. Es war wohl inspiriert durch eines der größten und längsten Konzerte der Musikgeschichte. Das von Bob Geldof und Midge Ure initiierte Live Aid Konzert gegen den Hunger in Afrika, wo sich schon 1985 in der Londoner Wembley-Arena die Größen der Musik für die Freiheit Mandelas eingesetzt hatten. Trotzdem wählte man auch 20 Jahre später das Datum des Konzertes, welches sich nur für die Freilassung Mandelas einsetzte, um einen Termin für dieses Konzert mit dem Titel 46664 zu finden

Erschreckend war an diesem Konzert sehr viel mehr, als man auf Anhieb glauben mag. Es muss auf viele Menschen bedrückend gewirkt haben, dass Mercedes-Benz als Hauptsponsor für dieses Event auftrat. Schließlich war auch der schwäbische Autobauer immer wieder im Gespräch, wenn es um den Bruch von Embargos gegen Südafrika ging. Aber das ist schon so lange her, dass sich scheinbar niemand mehr daran erinnern kann. Oder will man sich vielleicht auch gar nicht mehr erinnern? Selbiges gilt übrigens auch für den Edelfan Boris Becker, der immer wieder applaudierend gezeigt wurde. Becker brach damals Mitte der 1980er den Sportboykott und spielte in Sun City. Man darf davon ausgehen, dass Boris Becker dies damals nicht umsonst tat. Jetzt kann man natürlich in beiden Fällen das Verhalten als später Wiedergutmachung an den Opfern ansehen. Dies wäre aber grundsätzlich falsch, denn in beiden Fällen darf man durchaus unterstellen, dass es die Unterstützung nicht gegeben haben dürfte, ohne den medientechnischen, sowie pr-technischen Wert dieser Aktion vorher ausreichend kalkuliert zu haben.

Courage und Profit

Genau damit wären wir natürlich bei einem weiteren spannenden Thema in diesem Kontext. Es geht um Courage und auch um Profit. Nimmt man noch ein Mal das legendäre 1985 Live Aid Konzert als Grundlage, wirkte die Setlist am letzten Wochenende doch eher minimalistisch. Das Konzert lief gerade ein Mal etwas über vier Stunden. Der Sound war zum Teil so schlecht, dass die Sugababes laut dem Nachrichtensender N24, der dieses Konzert übertrug, ihren Auftritt um einen Song verkürzten. Natürlich gab es wirkliche Highlights, wie zum Beispiel Queen und Paul Rodgers oder auch die Simple Minds. Enttäuschend hingegen waren die kurzen bzw. ultrakurzen Auftritte von Musiklegenden, wie zum Beispiel Annie Lennox und Peter Gabriel. U2, die sich jahrelang für genau solche Aktionen massiv eingesetzt hatten, machen heute auch nur noch den Eindruck eines knallhart geführten, globalen Wirtschaftsunternehmens. Dies würde zu mindestens erklären, warum man nur mit einer Videobotschaft teilnahm. Das kann man dann schon ein Mal als effizient und durchaus profitabel ansehen.

Wie gesagt, so gut der Kerngedanke hinter 46664 auch sein mag und man der Stiftung, auch über das Leben von Nelson Mandela hinaus, die Daumen drücken sollte, bleiben Dinge unbeantwortet. Wo waren zum Beispiel die klaren Statements zum Thema Simbabwe. Denn am Tag des Konzertes wurde in diesem südafrikanischen Land gewählt. Es war die Stichwahl um das Präsidentenamt, welche Robert Gabriel Mugabe eindeutig gewann, was selbstverständlich war, denn Gegner hatte er keine mehr. Mugabe hatte die Opposition so lange durch Gewalt unter Druck gesetzt, bis diese vor lauter Angst um ihr Leben gar nicht mehr antrat. Genau diese diktatorische Vorgehensweise hätte an diesem Abend mit auf die Agenda gehört. Fehlanzeige. Gerade Mal das Ex-Spice Girl Geri Halliwell gab ein ganz kurzes Statement in Richtung Simbabwe ab. Auch dies ist ein Zeichen der heutigen Gesellschaft, Courage zeigen muss nicht sein, so lange man sich möglichst profitabel für Dinge die politisch nicht ganz so brisant sind, einsetzen kann.

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Kategorie: Europa · Gesellschaft · Kultur · Medien · Politik · Wirtschaft

Bis jetzt 1 Kommentar ↓

  • 1 Ulrich // 3. Jul 2008 at 00:24

    die entwicklung in den letzten 20 jahren is wohl eher negativ in der musik wie auch sonst.

Schreib was dazu