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Die Wahrheit des Wortes

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Wirtschaftssystem macht Fehler und hat Humanressourcen vergessen

11. März 2009

Jetzt liegt es endlich klar auf der Hand: Die EU-Finanzminister geben auf und sehen schwarz. Zu starr sei die EU und eine globale Krise könne man nicht mit nationalen Maßnahmen auffangen. Die Rezession fällt schlimmer aus und prognostizierte Zahlen vom Jänner gelten schon lange nicht mehr. Der Schlamassel wird 2010 wohl nicht überstanden sein. Jetzt ist es da, was viele im Herbst noch nicht wahrhaben wollten: Die Welt steckt in einer Krise, die sich mit den Dreißigerjahren mehr als gut vergleichen kann.

Zeitenwende. Langsam aber sicher kommen auch Wirtschaftstreibende in Österreich mehr zu Wort. Nicht nur KTM-Chef Stefan Pierer sprach von einer Zeitenwende – wir haben darüber schon mehrmals berichtet -, sondern auch Norbert Linder, Inhaber einer obersteirischen Steuer- und Wirtschaftsberatungskanzlei spricht die Krise offen an. “Herkömmliche Denkweisen und Methoden seien gänzlich untauglich um aktuelle Systeme zu verstehen oder zu managen.” Jetzt gilt es das eigentliche Kapital der neuen Gesellschaft aufzugreifen: Wissen. Genau das, von dem wir laut Pisastudie nur wenig besitzen. Genau das, was man seit Jahren mit Füßen tritt, weil österreichische Wissenschaft und Forschung ausgehungert wurde. Und genau das, von dem Nefiodow spricht, indem er den nächsten Langzyklus mit der Basisinnovation Wissen und Information benennt.

Kredite in Höhe des BIP. Die vielfach kolportierten 230 Milliarden Euro Kreditengagement im Ostgeschäft österreichischer Banken würden nicht stimmen, so Linder. Denn die Außenstände der Bank Austria (jetzt zu UniCredit gehörend) wären da nicht mit gezählt. Der wahre Umfang beträgt rund 300 Milliarden Euro. Zum Vergleich, das BIP für Österreich betrug 2007 nominal 272,7 Milliarden Euro. Fallen jetzt die Kredite für Österreichs Banken im Osten aus, setzt man mehr als das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Österreichs in den Sand. Allein ein Fünftel der Ostkredite aller EU-Banken zusammen laufen über österreichische Bankunternehmungen und deren Töchter. Fallen 300 Milliarden Euro aus, käme das numerisch dem totalen Staatsbankrott gleich.

Wissen und Social Behavior als Kapital. Wissen – ja, das hat man einfach und darüber spricht man nicht. Kaum einer der Wirtschaftsexperten lässt sich auf eine Wissensdebatte ein. Zahlen sind da schon lieber gesehen. Doch liest man im neuen Lehrbuch für Humangeografie, erschienen 2008, nach, findet man folgende Passage: “Rückblickend muss wohl festgestellt werden, dass die Wirtschaftswissenschaften und auch einige Wirtschaftsgeographen zu lange auf den Reichtum an natürlichen Rohstoffen geblickt und die Bedeutung von hoch qualifizierten Erwerbstätigen und kompetenten funktionalen Eliten unterschätzt haben.” Soll heißen: Wirtschaftsentwicklung ist komplex mit Humanressourcen verbunden. Und Mensch plus Wissen (Know How) entscheidet, wer Nutznießer von Rohstoffen ist. Nur reich zu sein, weil man Rohstoffe besitzt macht noch keinen Staat. Doch nur Wissen zu besitzen, macht auch keinen Staat. Da dürfen wir ein wenig differenzieren. Energie steckt dazwischen. Energie materiell als Lieferant von Energie für den Alltag und Brennstoff sowie Energie in Form von Geld, weil das Barrel Öl direkt an den Dollar gebunden ist. Und noch was kommt dazu: Ethik und soziale Verantwortung mit einer ordentlichen Portion Social Behavior, welche den meisten der Wirtschafts- und Finanzbosse abhanden gekommen ist. So spielt es eben mit dem freien Markt. Je weiter man sich vom letzten Crash entfernt, desto mehr schwindet die Erinnerung daran. Dann wird gezockt – auch das ist ein Faktum, was kritische Ökonomen ins Treffen führen.

Wir brauchen alles, um Wirtschaft im Kreislauf zu halten – auch hier ein Trugschluss, der meint Wirtschaft würde zeitlich unbegrenzt und exponentiell wachsen. Wir brauchen Brennstoffe, Rohstoffe, Geld und Wissen, um ein BIP hervorzubringen. Überwiegt ein Teil, kippt das System. Das hat der Kollaps in der Finanzwirtschaft durch auswucherndes Wachstum des Geldvermögens besonders in den letzten zehn Jahren im Vergleich zum Wachstum des BIP industrialisierter Staaten, deutlich gezeigt. Denn Geldvermögen gehört zum Großteil der Finanzwirtschaft und nicht jenen, die für das Hervorbringen des BIP einer Volkswirtschaft verantwortlich zeichnen. “…wer Schulen gründet und die Wissenschaften pflegt, sich um sein Volk und die ganze Nachwelt besser verdient macht, als wenn er neue Silber- und Goldadern fände.”, sprach´s der alte Philipp Melanchthon (1497-1565). Die Goldader “Kreditengagement in den Ostländern” scheint für Österreichs Banken langsam zu versiegen. Denn dort finden sich auch die vom Staatsbankrott am meisten gefährdeten Volkswirtschaften der Erde.

AMW

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Kategorie: Gesellschaft · Neues aus Österreich · Politik · Umwelt · Wirtschaft

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